Facebook ist voll von Geistern

Facebook ist voll von Geistern

Facebook ist voll von Geistern – und erinnert einen manchmal daran, das Leben zu schätzen.

Seit dreizehn Jahren benutze ich Facebook und in dieser relativ kurzen Zeit sind schon einige von meinen Freunden oder Bekannten, die ich in Facebook hatte, gestorben. Doch meistens verbleibt ihr Profil auf Facebook. Wenn man es nicht weiß, denkt man vielleicht sogar, das die Person noch lebt, denn es gibt ja viele inaktive Konten. Aber dann, vielleicht durch einen Zufall oder durch einen anderen Freund, erfährt man, dass diese Person gestorben ist und es gibt den berühmten Stich ins Herz oder diesen Moment der Erkenntnis, dass alles vorbeigeht und für manche früher als für andere.

Der Ahnenschrein in Facebook

Ich finde es prinzipiell schön, wenn die Erinnerungen an eine Person auf Facebook weiterleben und man manchmal wieder nachschauen kann, sich an Ereignisse erinnern kann, und natürlich auch den Verlust in sich spürt, das Loch, das eine Person hinterlassen kann.

Eine besondere Person für mich war Chris. Als wir uns kennenlernten und mehr miteinander zu tun hatten, kannten wir uns gar nicht so gut. Wir waren also keine Freunde im eigentlichen Sinne, obwohl er ein sehr lieber Typ war. Wir waren Arbeitskollegen in einem für uns bedeutungsvollen Projekt namens „Subaudio„. Chris war eher der schüchterne, introvertierte Typ, und so kam es nicht zu besonderen Annäherungen oder Erlebnissen.

Aber die letzte Kommunikation mit ihm wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Irgendwann suchte ich nämlich nach den Kumpels aus diesem Arbeitsprojekt. Mit manchen habe ich immer noch Kontakt, mit anderen hatte ich den Kontakt verloren. Und so suchte ich auch nach Chris und fand ihn auf Facebook. Ich hatte direkt Lust ihm eine Message zu schreiben und tat es auch. Als ich ein paar Tage später seine Antwort bekam, stand ich einen Moment unter Schock und es war einer dieser Momente, die dein Leben nachhaltig beeinflussen.

Eine lebensverändernde Nachricht

lieber sascha,

schön, mal wieder was von dir zu hören.

mir geht es den umständen entsprechend gut. mitte juli 2003 wurde bei mir ALS (amyotrophe lateralsklerose) diagnostiziert. das ist eine nervenkrankheit, bei der die für die muskeln zuständigen nerven absterben. ich bin mittlerweise vollständig gelähmt und ans bett gefesselt. nach einem atemstillstand mitte juli 2005, wegen dem ich wiederbelebt werden musste und 3 tage im künstlichen koma lag, werde ich künstlich beatmet und ernährt. ich bin nach einem krankenhausaufenthalt bis februar 2006 in eine schöne altbauwohnung in der max-brauer-allee gezogen und werde rund um die uhr von einem jungen und engagierten pflegeteam betreut.

ich bin mehrmals dem tod von der schippe gesprungen und habe eine wahre krankenhaus-odysee hinter mir. jetzt war ich aber seit juli 2009 nicht mehr im krankenhaus und fühle mich super. ich bin schmerzfrei. ich surfe täglich mehrere stunden, maile und kann sogar grafikprogramme bedienen. möglich macht das ein sprachcomputer mit augensteuerung an den mein macbook angeschlossen werden kann. der sprach-pc kostet nur xx.xxx euro, ein richtiges schnäppchen also. ;O)

lass weiter von dir hören. deine website gucke ich mir später an.

liebe grüsse, chris

Wie kann jemand, der sich nicht mehr bewegen kann, der künstlich beatmet und ernährt wird, der ein tägliches Pflegeteam um sich herum hat, sagen das es ihm SUPER geht, während ich (und wahrscheinlich viele andere Menschen auch) mich manchmal wegen jedem kleinen Scheiß aufrege oder mich schlecht fühle?

Wie ein Knoten im Taschentuch

Ich habe diese Mail von ihm ausgedruckt und lange in meinem Portemonnaie mit mir herumgetragen, damit ich sie mir in Momenten, in denen ich mich besonders schlecht fühle, herausholen kann und sie mir wieder ins Gedächtnis rufe.

(Auf seinem T-Shirt steht „Sieger“)

Chris starb im Jahre 2012. Chris ist immer noch in meiner Freundesliste, aber jetzt ist Chris ein Geist. Einer der guten Geister, die immer noch in Facebook umherschwirren, und ab uns zu gehe ich auf seine Seite und sehe, wie viele Menschen ihn geliebt haben und vermissen.

Kein Wunder – er muss mit seiner Lebensfreude alle, die ihn näher kannten, angesteckt haben.

Lieber Chris, rest in peace!

Bild von S. Hermann & F. Richter auf Pixabay

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